Recht haben und Recht bekommen – wie man die größten Verhandlungsfehler vermeiden kann

(Lesezeit: ca. 5 Min)

Der heutige Artikel soll sich mal nicht mit schlauen Rechtstips befassen. Vielmehr geht es darum, wie man diese Tips angewendet bekommt und am Ende nicht nur Recht hat, sondern auch Recht bekommt, was laut Volksmund ja bekanntermaßen dringend zu unterscheiden ist. 

Um diese Unterscheidung noch ein wenig deutlicher zu machen, vielleicht ein Beispiel aus meiner Kanzlei: Häufig erlebe ich es, dass Gegner meiner Mandanten gar nicht die allerschlechteste Rechtsposition haben. Allerdings gehen Sie damit gleich zu Beginn der vorgerichtlichen Verhandlungen so verschwenderisch um, dass das Feuerwerk nach zwei Minuten abgebrannt ist und ich als Verhandlungspartner auf der anderen Seite keinerlei Probleme habe, zu erkennen, dass da nicht mehr viel kommen wird. Das erleichtert es mir enorm, mich auf die weiteren Verhandlungen einzustellen und ich kann mir während des „Wir alle wissen, dass ich recht habe“ – Monologes im Prinzip alle Grundlagen für meine nächsten Schritte zurechtlegen. Als grobe Faustformel für das Thema Verhandlungsführung könnte man festhalten, dass es besonders bei Beginn einer Auseinandersetzung dringend zu empfehlen ist, weniger zu reden und so viel wie möglich zuzuhören, um Informationen zu sammeln.  

Häufig erlebe ich es, dass Fotografen mit einem neuen Fall zu mir kommen, bei dem sie felsenfest davon ausgehen, im Recht zu sein. Ich denke jeder sollte sich bewusst sein, dass dieses „im Recht sein“ meist eine Eigenschaft ist, von der beide Seiten denken, dass Sie Ihnen zuteil wird. Wieso würde man sich denn sonst über einen Punkt in die Haare bekommen, wenn beide einer Meinung sind? Letztendlich entscheidet der Richter und den Spruch mit der hohen See und Gottes Hand kennen denke ich die meisten…  Kurzum: den bombensicheren Fall gibt es nicht und man sollte sich stets zumindest kurz vor Augen führen, dass man mit seinem so sicher eingeschätzten Fall auch mal Baden gehen kann. Ob es sich also lohnt, Streit vom Zaun zu brechen oder ob man es lieber gut sein lässt, möchte ich in den folgenden drei Punkten kurz zusammenfassen: 

1. Wie stehen meine Chancen? 

Als erstes sollte man sehr (sehr) ehrlich mit sich selbst sein und überlegen, wie erfolgversprechend die Ansprüche tatsächlich sind, auf die man sich gerade bezieht. Ich habe volles Verständnis dafür, dass gerade Kreative zu 110 % hinter ihrer Arbeit stehen und sich daher sehr schwer damit tun, zu hinterfragen, ob vielleicht der Honoraranspruch, den man aufgrund seiner Arbeit geltend machen möchte, nicht in vereinbarter Höhe besteht oder welche Argumente man dagegen bedenken sollte. Hierbei hilft es, wenn Ihr Euch vergegenwärtigt, dass das nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, dass Ihr schlecht gearbeitet habt. Vielmehr sind meistens Faktoren wie unvollständige Kommunikation und daraus resultierende unterschiedliche Erwartungen der Vertragspartner Gründe dafür, dass Eure Ansprüche es schwer haben werden. Packt also an dieser Stelle all Euer Herzblut beiseite und bewertet so objektiv wie möglich, ob Ihr etwa bei der Durchführung des Auftrages alles bedacht und dokumentiert habt, um im schlimmsten Fall einer gerichtlichen Auseinandersetzung Erfolg haben zu können. Das macht sicher keinen Spaß, aber noch weniger Spaß dürfte es machen, wenn man sich für die Durchsetzung der Forderung entscheidet und dann im Gerichtssaal die Hosen runtergezogen bekommt. Bei dieser Bewertung helfen Euch die oben schon genannten Infos elementar weiter, die Ihr durch Zuhören von Eurem Verhandlungspartner zusammengetragen habt.   

2. Worum geht es (mir)? 

Und schon kommt der nächste unangenehme Punkt... Oftmals sehe ich Fälle, bei denen es wirtschaftlich gesehen um sehr wenig geht und das gute alte Prinzip im Vordergrund steht. Da ich als Anwalt nicht zuletzt von der Streitlust meiner Mandanten lebe, soll mir das recht sein. Allerdings versuche auch ich bei einem Erstgespräch mit einem neuen Mandanten genau diese Bewertung vorzunehmen und ein Gefühl zu bekommen, worum es ihm eigentlich geht. Ich bin Fan davon, keine Streitigkeiten anzufangen, an deren Ende für den Mandanten kein irgendwie gearteter wirtschaftlicher Erfolg steht, um den es sich zu streiten lohnt. In einigen Fällen darf es aber auch mal um’s Prinzip gehen! Ich habe in letzter Zeit beispielsweise einige fälle bekommen, bei denen sich Fotografen über die ständige Praxis Ihrer Kunden (meist Verlage) aufregen, keine oder eine falsche Urhebernennung zu verwenden. Wirtschaftlich gesehen winkt hier meiner gerichtlichen Erfahrung nach auch mal nur um 50,00 € - 150,00 €. Dennoch ist die Durchsetzung dieser Ansprüche ein klares Zeichen und kann meiner Meinung nach durchaus dazu führen, dass in der ein oder anderen Redaktion wieder sauberer gearbeitet wird. Also ein Prinzip, für das man meiner Meinung nach auch mal einen wirtschaftlich zumindest fragwürdigen Prozess eingehen kann.  

3. Wie lange brauche ich bis ans Ziel? 

Nachdem ich nun also weiß, welches Ziel ich verfolge, kommen wir zu einem weiteren Punkt, der damit im Zusammenhang steht: Einer der häufigsten Sätze, die ich in Nachrichten meiner Kunden lese, ist „wieso dauert das denn alles so lange?“.  

Man sollte sich vor Augen führen, dass es gerade vor Gericht alles andere als zügig zugeht und es mitunter viele Monate dauern kann, bis man das erstinstanzliche Urteil hat. Falls eine Berufung möglich ist, beginnt da der Spaß aber erst von vorne und die zweitinstanzlichen Gericht sind meist nicht weniger überlastet. Mein bisheriger Rekord: Ladung zum ersten Verhandlungstermin (in dem es sicherlich noch kein Urteil geben wird) kam im Januar. Der Termin findet im Oktober statt. Wenn alle Zeit haben. Mein bisheriger Rekord, was Verlegungen eines Termins angeht: neun.  

Auch hier verstehe ich die Ungeduld meiner Mandanten natürlich absolut. Aber tut Euch selbst bitte einen Gefallen und vergesst Sätze wie „Die Sache ist doch ohnehin klar – wieso braucht der Richter denn solange, um das festzustellen?“. Die Dinge brauchen eben ihre Zeit und die sollte man aushalten können. Dabei helfen Euch die beiden ersten Punkte dieses Artikels und wenn Ihr das beherzigt, tut Ihr Euch hoffentlich ein wenig leichter bei der Entscheidung, ob Ihr Verhandlungen oder gar Streit anfangen möchtet. 

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Erschienen in ProfiFoto 10/2017

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